Diakonisches Jahr im Ausland
Diakonisches Jahr im Ausland (DJiA)

Ankommen

Vor genau 5 Monaten saß ich also im Flugzeug von Stuttgart nach Durban, nun sitze ich in meinem Zimmer in Pietermaritzburg und schaue über die Stadt. So vieles habe ich in den vergangenen Monaten erlebt und weiß gar nicht wie ich das alles in Worte fassen soll.

Ganz aufgeregt betraten wir, meine Mitfreiwillige Lili und ich, die Wohnung in der wir nun für ein Jahr zusammenleben würden und wir konnten unser Glück kaum fassen. Die Wohnung befindet sich im dritten Stock eines Wohnblocks in Clarendon, einem Stadtteil von Pietermaritzburg, und es war mittlerweile schon dunkel geworden, sodass man aus den großen Fenstern die Lichter der ganzen Stadt sehen konnte. Es gibt drei verschiedene Schlafzimmer, ein riesiges Wohnzimmer, Küche, Toilette, Bad, einen Vorraum im Eingangsbereich und eine Art Balkonzimmer, in dem ein weiteres Bett steht, sodass wir alle die Möglichkeit auf ein eigenes Zimmer hatten. Nach unserem ersten gemeinsamen Abendessen und der Zimmerverteilung lag ich dann zum ersten Mal in meinem neuen Bett und war endlich angekommen.

Das Projekt

Gleich am nächsten Morgen ging es auch schon los in das Büro unserer Einsatzstelle, Siyabonga Helping Hands for Africa, bei der wir nun seit fünf Monaten arbeiten. Die Organisation unterstützt, durch Patenschaften in Deutschland, Kinder in den Townships rund um Pietermaritzburg. Als Freiwillige Arbeiten wir vormittags im Büro und übersetzen Briefe der Kinder an die Paten und umgekehrt. Wir erstellen Ordner für Kinder, die neu in das Projekt aufgenommen werden, fahren zur Post, erledigen Einkäufe, sortieren Fotos, drucken Formulare für Sonderspenden aus und vieles mehr. Gegen Mittag fahren wir dann gemeinsam mit unseren Sozialarbeiterinnen in eines unserer beiden Centern ins Township. Wir wechseln uns täglich ab, sodass immer zwei von uns mit unserer Sozialarbeiterin Thandi in das Center nach Esigodini und zwei mit unserer Sozialarbeiterin Phindi in das Center nach Imbali fahren. Im jeweiligen Center machen wir dann unter anderem Spiele mit den Kindern, üben in kleinen Gruppen lesen oder unterstützen sie in Mathe und Englisch. Montags bis donnerstags kommen die Kinder aus der Primaryschool in das Center, das heißt erste bis siebte Klasse, und freitags dann die Highschool, das heißt achte bis zwölfte Klasse. So haben wir es immer mit ganz unterschiedlichen Altersklassen zu tun. Darüber hinaus machen wir an manchen Tagen Hausbesuche mit unseren Sozialarbeiterinnen. Meistens geht es dabei darum, neue Kinder in das Projekt aufzunehmen. In dem Fall machen wir dann verschiedene Fotos von den Kindern, ihrer Familie und ihrem Haus, während die Sozialarbeiterin mit dem Vormund redet und verschiedene Formulare ausfüllt. Es gibt aber auch Hausbesuche bei denen nur mit den Eltern geredet wird, wenn zum Beispiel ein Kind nicht mehr zur Schule oder ins Center kommt. Einmal pro Monat gibt es dann auch noch den Monatseinkauf und die Sonderspende. Beim Monatseinkauf treffen wir uns mit den Eltern bzw. meist den Müttern oder Großmüttern der Kinder vor einem großen Supermarkt in der Stadt. Dort bekommen sie Gutscheine ausgehändigt und dürfen damit für einen bestimmten Betrag Lebensmittel einkaufen. Wir Freiwilligen stehen dann mit an der Kasse, sammeln die Kassenbons und tragen genau in einer Liste ein, wer was eingekauft hat. Bei der Sonderspende, das ist eine zusätzliche Spende des Paten, beispielsweise zum Geburtstag oder zu Weihnachten, kommen die Eltern mit den Kindern zum Supermarkt und haben die Möglichkeit wieder entweder Lebensmittel oder aber auch Kleidung einzukaufen. Dafür fahren wir sie dann zu einem Kleidergeschäft nicht weit vom Supermarkt. Zum Schluss werden dann Fotos von den Einkäufen  und dem Kind gemacht die anschließend mit den Briefen nach Deutschland verschickt werden.

Außerdem bekommen wir jeden Montag im Center Besuch von ein bis zwei Touristengruppen aus Deutschland, denen Lili und ich abwechselnd einen kleinen Vortrag über unser Projekt halten und von unseren Erfahrungen erzählen. So wurden wir schon früh mit vielen Fragen konfrontiert und hatte die Möglichkeit unsere Arbeit hier zu reflektieren.

Meine Entwicklung

Für meinen Freiwilligendienst hatte ich mir vorgenommen mehr über die Kultur in Südafrika erfahren, ich wollte über meine Grenzen hinauswachsen und meinen Horizont erweitern. Nachdem nun schon fast die Hälfte meines Jahres hinter mir liegt, wird mir erst bewusst was es eigentlich heißt, seinen Horizont zu erweitern. Man macht so viele neue Erfahrungen und kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie man weitergelebt hätte, ohne das alles zu erleben. In den Augen eines unserer Mitarbeiter aus dem Esigodini Center, der in unserem Alter ist, haben wir in Deutschland das perfekte Leben. So viele Menschen wünschen sich all das was wir als selbstverständlich hinnehmen. Und er hat Recht. Irgendwo hat man diesen Satz schon so oft gehört, aber hier wird er einem erst richtig bewusst. Ihm zu sagen, dass die Menschen in Deutschland trotzdem unzufrieden sind, wir auch Probleme haben fühlt sich total lächerlich an. Wenn man die Verhältnisse sieht, in denen die Menschen hier im Township leben, verändert sich einfach die Sichtweise auf so vieles. In den beiden Malen, in denen ich vor meinem Freiwilligendienst nach Südafrika gekommen bin, habe ich die Townships zwar wahrgenommen und es war für mich unvorstellbar, dass tatsächlich Menschen in diesen kleinen Stein- und Lehmhütten wohnen. Aber es ist nochmal etwas ganz anderes, mit unserer Sozialarbeiterin zu einem Kind nach Hause zu gehen, die Familie zu treffen und zu sehen unter welchen Umständen sie leben. Wir haben alle keinen Einfluss darauf wo, oder in welche Situation wir hineingeboren werden, und trotzdem hängt davon unsere Zukunft ab. Bei meinem ersten Hausbesuch war ich unglaublich unglücklich. Ich fühlte mich so schlecht, weil ich die Umstände unter denen die Menschen hier leben so schrecklich fand, dabei sind viele von ihnen vermutlich so dankbar für all das was sie haben. Ich fragte mich was ich erwartet hatte, in einem Township zu arbeiten. Mir war bewusst, dass mich dieser Freiwilligendienst verändern würde, aber mir war nie richtig klar, dass es auch Gründe geben muss, die eine Veränderung hervorrufen.

Mittlerweile sind die Haubesuche aber selbstverständlich geworden. Man lernt Kleinigkeiten wertzuschätzen und plötzlich ist alles gar nicht mehr so schrecklich. Die Kinder im Center sind unglaublich süß, sie winken oder lächeln einem von weitem zu, dann kommen sie her, umarmen einen einfach so und ich frage mich wie ein so kleiner Mensch einem so viel Liebe entgegenbringen kann, ohne einen überhaupt zu kennen. Zu sehen wie glücklich diese Kinder sind, obwohl sie so wenig haben, wird mich für mein ganzes Leben prägen. Oft kommt ein Kind einfach auf mich zu und fängt an auf Zulu mit mir zu reden. In solchen Momenten wünschte ich, ich würde Zulu verstehen und könnte mich mit dem Kind unterhalten. Auch bei den Hausbesuchen wird immer nur Zulu gesprochen, weil die Familien kaum oder gar kein Englisch sprechen. Trotzdem hat man manchmal das Gefühl genau zu wissen um was es gerade geht, obwohl man eigentlich gar nichts versteht. Ansonsten kommen wir eigentlich auch mit Englisch ganz gut zurecht. Die Mitarbeiter im Center sprechen Englisch und Zulu und können dann auch einmal etwas für uns übersetzen.

Ich wünschte jeder könnte die Möglichkeit wahrnehmen und so einen Freiwilligendienst leisten. Ganz egal ob in Südafrika oder sonst irgendwo auf der Welt. Wenn ich nach Deutschland zurückkomme, wünsche ich mir auf Menschen zu treffen, die Erfahrungen gemacht haben wie ich. Deren Leben sich auch durch einen Freiwilligendienst verändert hat. Auch wenn wir zurück in Deutschland erst einmal weiterleben wie zuvor, unsere Gedanken werden nicht mehr dieselben sein.

Samira

Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend
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