Diakonisches Jahr im Ausland
Diakonisches Jahr im Ausland (DJiA)

Ahoj,

Herzlich Willkommen zu meinen Ausführungen über meine Zeit im Ausland.

Der Tag meiner Ankunft in Tschechien war ein sehr aufregender Tag, früh um 4 Uhr morgens fuhr ich mit meinen Eltern nach Dortmund, von dort aus sollte die Reise starten, 10 Monate in einem mir fremden Land. Dies war das letzte Mal, dass ich Auto fuhr, für eine sehr lange Zeit – definitiv ein Komfort, den ich vermisse.

Am Flughafen traf ich andere Freiwillige, die sich mit mir in das Abenteuerjahr stürzen wollten, darunter meine Mitbewohnerin Mona. Gemeinsam starteten wir im Flieger nach Kattowitz in Polen. Der Flug war beides: voller Vorfreude, aber auch wehmütig. Mich beschäftigte auf dem Flug das Schmökern in für mich mit Briefchen gefüllten Notizbüchern, eines von meiner Jugendgruppe, in der ich in Deutschland aktiv war und eines von den anderen Freiwilligen des DJiAs.
Dann in Kattowitz der erste Schock, angeblich sei ein Gepäckstück in Deutschland zurückgeblieben, mein angemeldetes Sportgepäck – mein Longboard (um auch die tschechischen Straßen rauf und runter skaten zu können). Dann der erlösende Fund: nur unsichtbar vom Gepäckband gefallen, in Kattowitz und nicht in Dortmund. Erleichterung!

Auf ging’s im Bus in die Innenstadt, dort trennten sich die Wege von uns gemeinsam geflogenen Freiwilligen, Mona und ich fuhren auf einer holprigen Busfahrt nach Cieszyn (dem polnischen Teil meiner Stadt hier, in der ich lebe) und die anderen im Zug nach Krnov und Bohumín. Alles Grenzstädte in Tschechien, die östliche Grenze, versteht sich.
In Cieszyn angekommen, an einem heißen Sommertag (und das mit mehreren Pullovern und Jeans an, nur um doch noch mehr Gepäck mitnehmen zu können), wurden wir schon erwartet: Meine Supervisorin Monika, Monas Supervisorin und eine Arbeitskollegin empfingen uns freudig. Nach ein paar herzlichen Worten ging’s im vollgepackten Auto rüber auf die tschechische Seite, da sind wir: Český Těšín (oder auch Tschechisch Teschen). Alles neu, erst in den nächsten Monaten sollte ich alles besser kennenlernen, sodass ich mich nun hier auskenne, in „meiner“ Stadt. Doch dann ging’s raus aus dem Stadtzentrum, ganz weit raus. Und nach einigen Minuten Fahrt, immer der Hauptstraße folgend, wurde klar, dass wir nicht gerade innenstadtnah wohnen werden. Wir hielten an in einer Wohnsiedlung, vor einem eher unspektakulär zu betrachtenden Reihenhaus nach tschechischem Standard, 3 km vom Zentrum entfernt, direkt hinter einer Autobahnbrücke.
Um’s kurz vorweg zu nehmen: diese 3 km werden im Sommer gern täglich auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad bezwungen (das bekam ich hier zur Verfügung gestellt), im Winter allerdings wird’s dann schon lästig, vereiste Fußwege, auf denen man rumschlittert, da ist der Bus doch deutlich angenehmer (den ich aber nur selten nehme, denn schließlich tut so ein morgendlicher Spaziergang ja auch gut J ). Die nächsten Einkaufsmärkte sind entsprechend auch weiter entfernt, manchmal bemitleiden Mona und ich uns gegenseitig deswegen.

Zurück zum Ankunftstag: Die erste Besichtigung der Wohnung folgte, die obere Etage eines Familienhauses, nahezu unmöbliert (in meinem Fall zum Beispiel auch noch ohne Bett), simpel gehalten und noch ohne Internetzugang - diese Umstände wurden jedoch in den nächsten Monaten verändert (und manche Aspekte natürlich auch deutlich schneller, wie zum Beispiel mein Bett).

Kaum angekommen, lud uns die ca. 75 jährige-Hausbesitzerin, wohnhaft im Erdgeschoss, zu Kaffee und Kuchen ein – so wie es in den nächsten Monaten noch regelmäßig vorkam, jedes Mal tschechischsprachig, besser und besser werdend.

Ohne Pause ging es weiter zum ersten Abendessen in diesem Auslandsjahr, eingeladen wurde ich von meiner Supervisorin, die mir dabei viele Fragen meinerseits beantwortete und ihrerseits stellte. So brachte ich z.B. meinen Ausdruck einiger gängiger tschechischer Phrasen mit mir und versicherte mich nochmal über deren richtige Aussprache. Die Kommunikation mit meiner Supervisorin funktioniert ziemlich gut, sie kann sehr gut Englisch. Als eine der einzigen Personen in dieser Gegend hier, wie ich in den nächsten Monaten feststellte.

Dann fuhren sie und ihr Ehemann mich nach Hause, unterwegs machten wir noch den ersten Einkauf, und für einen Sommerabend noch recht früh machte ich mich ans Auspacken – das war schnell getan und so erkundete ich das erste Mal die Umgebung, in der ich die nächsten 10 Monate verbringen sollte.

 

An einem Donnerstag kam ich an und bevor ich schon wieder Wochenende hatte, erlebte ich den ersten Tag in meiner Arbeitsstelle, vorher angekündigt damit, dass ich das Gebäude und die Schüler, Kollegen sehen werde, wurde ich dann am ersten Tag doch schon etwas ins kalte Wasser geworfen: mit den ersten Brocken Tschechisch, die ich beherrschte, stellte ich mich kurz in der morgendlichen gemeinsamen Runde mit allen Klassen und Kollegen vor, sie begrüßten mich freudig in meiner neuen Heimat mit Brot und Salz. Und nachdem ich den Tag ein Stück weit begleitete, sollte ich das erste Mal eine Schülerin füttern, noch völlig ungewohnt (und aus heutiger Sicht auch damals ungekonnt J).

Der erste Eindruck: schönes Gebäude, modern, sehr gut ausgestattet mit vielen Hilfen mit denen individuell auf die verschiedenen Bedürfnisse der Schüler mit Behinderungen eingegangen wird – ich war positiv überrascht, das war eindeutig besser als ich es erwartet hatte.

 

Nun zu meiner Arbeitsstelle aus meiner heutigen Sicht und Erfahrung:
Ich arbeite in einer Schule der schlesischen Diakonie für Schüler mit Behinderungen, diese sind zwischen 18 und 30 Jahre alt (wobei ich inzwischen, knapp 5 Monate nach Antritt meines DJiAs, regelmäßig vom wahren Alter einiger Schüler, die ich eindeutig jünger geschätzt hätte – gemessen an ihrer Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten, überrascht werde). Einige von ihnen sitzen im Rollstuhl, viele haben Koordinationsschwierigkeiten und Schwierigkeiten zu sprechen, doch wirklich nur wenige können nicht aktiv am Schulalltag teilnehmen. Wir haben 3 Klassen und insgesamt 27 Schüler, in jeder Klasse gibt es eine Lehrerin und 2 oder mehr Assistentinnen, ergänzt durch mich, den „dobrovolník“, den Freiwilligen.
Die Schüler freuen sich täglich, mich zu sehen ich bin ein Stück weit ihr Urlaub im Alltag, das Fremde aus dem Ausland, dass ihnen normalerweise verwehrt bleibt – und zeigen es auch. Täglich begrüßen mich viele von ihnen freudig und haben Gesprächsbedarf, am Anfang blieb das beim tschechischen „Jak se máš?“ (Wie geht es Dir?) und der dazugehörigen Antwort (mehr ging am Anfang lange Zeit nicht), inzwischen plaudern wir oft über Wochenendplanungen oder
– erfahrungen und anderes.
Ebenso sind die Kolleginnen mir gegenüber offen und zeigen sich bei Fragen sehr hilfsbereit – zwei von ihnen sprechen auch gebrochen Deutsch, das ist mir sehr willkommen, wenn ich mich situationsbedingt nicht auf Tschechisch auszudrücken vermag. Die anderen versuchen es in einem witzigen Englisch-Tschechisch-Mix, aber ich bin sehr dankbar für ihre Versuche. Eine Kollegin sagt offen, dass wenn ich nach Tschechien komme, ich auch Tschechisch sprechen bzw. lernen soll und weigert sich, Versuche in einer Fremdsprache zu unternehmen. Für mich völlig akzeptabel und gleichzeitig ist sie auch von meinen Tschechisch-Fortschritten begeistert, die sie in einem starken Vorher-Nachher-Vergleich erlebt hat, da sie nun nach 4 Monaten schwerer Krankheit wieder anfing zu arbeiten.

Im Alltag begleite ich die morgendlichen Gesangs- und Gebetsrunden, die oft in großer gemeinsamer Runde stattfinden, dabei halte ich oft die Liedtexte für Schüler „meiner Klasse“ (der Klasse in der ich größtenteils aktiv bin), die dazu nicht in der Lage sind. Danach helfe ich im Unterricht auf unterschiedliche Art und Weise, je nach Situation. Zum Beispiel indem ich im Kunstunterricht helfe, beim Malen die Hand eines Schülers zu führen, Materialien für Schüler vorbereite oder gemeinsam mit ihnen bastele, im Englischunterricht als Beispiel für englische Konversation fungiere und mit den Schülern auf Englisch spreche, im Informatikunterricht gemeinsam mit ihnen am PC arbeite und sie auch sonst einfach auf jede mir mögliche Weise unterstütze. Zweimal am Tag füttere ich Schüler, morgens einen Frühstückssnack und mittags das Mittagessen. Sonst helfe ich oft, den Schülern die gefüllten Tabletts zum Tisch zu tragen und benutztes Geschirr abzuräumen. Oft bereiten wir Konzerte oder Events anderer Art (z.B. eine Kunstausstellung oder den Tag der offenen Tür) vor; Zuletzt das Neujahreskonzert, zu dem alle internationalen Freiwilligen aus Frankreich, Spanien, Ungarn, Italien, der Slowakei und Deutschland, die ich inzwischen als Freunde bezeichne und regelmäßig in ihren Städten im Umkreis von 100 km besuche, eingeladen waren.
In meiner Arbeitsstelle bin ich der einzige Freiwillige (und witzigerweise auch der einzige Mann, der nicht Schüler ist) und damit fühle ich mich auch wohl, schön ist aber, dass die Stellen der Diakonie in Český Těšín kooperieren und ich so jeden zweiten Freitag in der Arbeitsstelle eines französischen Freiwilligen bin und mich dort mit ihm unterhalten kann. Im Dezember haben wir bei einer gemeinsamen Weihnachtsfeier Pantomime für unsere Klienten gespielt und dies vorher gemeinsam vorbereitet – eine gelungene Aktion. Was eigene Projekte angeht, kann ich bisher dies, eine Bastelaktion bunter Kerzenhalter und ein englisches Lied mit selbstausgedachten Bewegungen, welches ich mitbrachte, verzeichnen. Als größere Aktion ist ein „deutscher Tag“ für die Schüler in Planung.
Größtenteils gibt es für mich in der Arbeitsstelle viel zu tun, doch auch Ruhepausen sind vorhanden, in denen ich mich besonders in der anfänglichen Zeit intensiv dem Tschechisch-Lernen widmete.

Doch genug von meiner Arbeitsstelle, ein anderer Punkt ist die tschechische Sprache. Es wird. Auch wenn besonders das Erlernen der korrekten Grammatik eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. Die Motivation ist aber noch ungebrochen und auch wenn ich mir mehr Sprachkurse gewünscht hätte (die ersten 2 Monate waren es wöchentlich 3 Termine, seitdem nur noch einmalig pro Woche) komme ich merklich voran. Damit verbunden freue ich mich, wenn ich regelmäßig merke, wie sich mein Verständnis verbessert hat.

 

Freizeitmäßig bietet Český Těšín nicht besonders viel, zumindest im Winter. Da ist man dann nochmal mehr auf andere Freiwillige und regelmäßige Treffen, gemeinsame Aktionen angewiesen, um sich nicht runterziehen zu lassen. Dies ist mir leider eher nicht so gelungen, die trüben und kalten Monate waren hart, man könnte es „Winterdepression“ nennen. Doch das möchte ich nun gar nicht groß vertiefen, denn jetzt, bei zunehmend auftauchendem Sonnenschein, ist’s deutlich besser.
Trotzdem hatte der Winter auch sehr schöne Events:
Das tschechische Weihnachtsfest mit den landeseigenen Traditionen, das ich in der Familie meiner Supervisorin erleben konnte, war für mich das Highlight. Doch auch die Weihnachtsfeier mit fast allen anderen Freiwilligen, Silvester in Budapest, ein Familienwiedersehen in Prag und der Besuch meiner Eltern im frischen Neujahr waren schöne Erlebnisse und wollen erwähnt sein. Zuletzt kamen an Wintererlebnissen noch Eislaufen, der Besuch eines Hockeyspieles (die große tschechische Sportart) und das erste Mal versuchtes Snowboarden dazu.

Meine Freizeit füllte ich zu großen Teilen mit den Besuchen bei anderen Freiwilligen an vielen Wochenenden, Reisen zum Beispiel nach Krakau, Brünn, Budapest und Treffen in Pubs bei preisgünstigen Getränken. J

Mit der Partnerorganisation hier vor Ort bin ich sehr zufrieden, die Slezská Diakonie ist sehr auf einen nahen, freundschaftlichen Kontakt ausgerichtet. Das strahlen die sehr sympathischen Koordinatoren auf den spaßigen und trotzdem gut inhaltlich gefüllten und hilfreichen Seminaren und bei verschiedenen Treffen zwischendurch, zu denen wir eingeladen wurden, aus. Durch so viele gemeinsame Treffen ist ein enges Band zwischen allen Freiwilligen der Diakonie entstanden, dies war auf den EVS-Seminaren mit Freiwilligen von anderen Organisationen deutlich spürbar. Der große Vorteil der Slezská Diakonie, wie ich finde, denn das internationale Zusammensein mit anderen Freiwilligen ist für mich der Aspekt des DJiAs, den ich am meisten genieße.

 

Ich hoffe, ich konnte einen guten Überblick über mein bisheriges Diakonisches Jahr vermitteln, damit verabschiede ich mich auf tschechische Art und Weise:

 

Na shledanou! (Auf Wiedersehen!)

Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend
Diakonie
Gefördert von:
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Jugend in Aktion
Evangelische Kirche in Deutschland: EKD